Reto Sopranetti auf dem Gemüsefeld
Interview mit Reto Sopranetti

Aus Verantwortung für alle

Im Vorwort zum Geschäftsbericht sagt Reto Sopranetti, Geschäftsleiter der Migros Aare, dass diese als eine der grössten privaten Arbeitgeberinnen der Region eine soziale Verantwortung trage und weiterhin nicht nur für die Kundschaft, sondern auch für die Mitarbeitenden attraktiv bleiben und eine sichere Konstante sein wolle. Daraus leitet sich das Motto des diesjährigen Geschäftsberichts ab: «Aus Verantwortung für alle». Was das im Detail heisst, erklärt uns Reto Sopranetti im Interview.

Reto Sopranetti, trägt eine Migros wirklich Verantwortung für alle?

Das sind grosse Worte, da gebe ich dir recht. Aber wenn wir uns an die Alkohol-Abstimmung vom Sommer 2022 erinnern, wird uns wieder einmal deutlich vor Augen geführt, wie sehr die Migros Teil der Gesellschaft ist. Wochenlang wurde das Thema landauf, landab teilweise sehr emotional diskutiert. Das zeigt, wie sehr die Migros die Menschen nach wie vor bewegt. Ich finde es wunderbar, derart engagierte Kundinnen und Kunden zu haben, und danke ihnen allen für ihre Treue.

Reto Sopranetti mit Gemüseproduzent
Reto Sopranetti kennt viele der regionalen Produzenten aus seiner Zeit als Leiter Supermarkt noch persönlich. Hier im Gespräch mit Daniel Brandt von Kibra-Gemüse im Berner Seeland.

Damit wären wir bei den regionalen Strukturen.

Diese ergeben schon auch Sinn. Sie erlauben einem Unternehmen wie der Migros beispielsweise eine grosse Nähe zu seinen Produzenten. Und das sind nicht einfach leere Worte. Wir bei der Migros Aare kennen unsere Produzenten und begegnen ihnen auf Augenhöhe. Wir stellen uns auch schwierigen Situationen und suchen gemeinsam mit ihnen nach Lösungen.

Aber regionale Strukturen bergen auch die Gefahr vieler Parallelitäten.

Das ist teilweise die Kehrseite der Medaille, ja. Aber da sind wir nun gemeinsam – zusammen mit den anderen Genossenschaften und dem MGB – daran, diese Situation zu verbessern.

Was ist denn diesbezüglich bis jetzt unternommen worden?

Wir haben in den vergangenen Monaten unsere Kräfte gebündelt und uns stark auf unser Kerngeschäft konzentriert. So gab es beispielsweise Veränderungen im Sponsoring. Oder im Bereich Retail, wo wir beschlossen haben, das Pilotprojekt Voi Cube einzustellen. Wo sinnvoll, haben wir bereits nationale Strukturen geschaffen, wie beispielsweise bei den Fachmärkten, den Fitnesscentern, den Golfparks oder der Klubschule. Denn die Migros Aare soll auch in Zukunft ein gesundes, leistungsfähiges und resilientes Unternehmen mit langfristiger Ausrichtung bleiben.

Wird es somit keine Innovationsprojekte mehr geben?

Im Gegenteil. Innovationsprojekte sind nach wie vor wichtig und nötig. Diese Wachstumsprojekte müssen aber unser Kerngeschäft stärken und dieses gezielt ergänzen. So haben wir beispielsweise mit «FoodNow» ein Kundenbedürfnis rechtzeitig erkannt und diesen Essens-Lieferservice während der Corona-Zeit testen können. Nun soll er national angeboten werden. Aber wir werden solche Projekte inskünftig stärker gemeinsam mit den richtigen Partnern aus der M-Gemeinschaft starten.

Mit anderen Worten: Die Migros Aare hat ihre Hausaufgaben gemacht?

In demjenigen Teil, den wir beeinflussen können, haben wir nun einiges aufgearbeitet und geplant, das ist richtig. Dabei sind wir auf den unterschiedlichsten Ebenen gefordert: Die Auswirkungen des Krieges auf die Lieferketten, weiterhin stark steigende Energiepreise, die Entwicklung der Teuerung, tiefe Margen, der Arbeitskräftemangel, aber auch veränderte Kundenbedürfnisse sowie die stark wachsende Konkurrenz prägen das Umfeld und stellen uns vor grosse Herausforderungen.

Wie haben sich denn die Kundenbedürfnisse verändert?

Dass sich Kundenbedürfnisse verändern, ist man sich im Handel gewohnt. Die Geschwindigkeit, mit der das passieren kann, wurde uns während der Covid-Zeit eindrücklich vor Augen geführt: Plötzlich waren die grossen Filialen deutlich weniger gefragt, man wollte infolge der Zunahme an Homeoffice auch gleich um die Ecke und in den kleinen Läden einkaufen. Das hatte auch für unsere Logistik Folgen. Quasi von heute auf morgen mussten Lieferungen angepasst und Lieferfrequenzen erhöht werden.
Reto Sopranetti an der Kadertagung
Reto Sopranetti an der Kadertagung der Migros Aare

Und ab Frühjahr 2022 war dann alles wieder wie vorher?

Eine gewisse Normalisierung hat stattgefunden, insbesondere die Gastronomie, die Fachmärkte und die Freizeit konnten zulegen. Aber nach wie vor erfreuen sich die kleinen Quartier-Filialen grosser Beliebtheit. Wie gut, dass wir mit dem Voi-Konzept schon vor Jahren diesen Weg eingeschlagen haben. Von dieser zukunftsweisenden Aufstellung können wir jetzt profitieren und werden sie noch weiter ausbauen.

Was haben wir aus diesen Erfahrungen gelernt?

Elementar wichtig für uns ist die Offenheit gegenüber Veränderungen. Um weiterhin den besten Preis für die maximale Leistung bieten zu können, müssen unsere Prozesse und Strukturen optimal angepasst werden. Damit wir die kleineren Margen auffangen können, müssen wir schlanker werden und auch lernen, auf gewisse Dinge zu verzichten. Das sind teilweise auch schmerzhafte Prozesse. Wir müssen lernen, Liebgewonnenes loszulassen und uns an Neues zu gewöhnen.

Das ist gerade für die Mitarbeitenden nicht immer einfach…

Dessen sind wir uns in der Geschäftsleitung sehr bewusst. Wichtig ist, dass alle Mitarbeitenden verstehen, warum es diese Veränderungen braucht, damit sie diese mittragen können. Dabei sind auch unsere Führungspersonen gefordert. Sie sollen ihre Teamkolleginnen und -kollegen nicht nur frühzeitig und transparent informieren, sondern ihnen vor allem auch Vertrauen, Stabilität, Mut und Zuversicht vermitteln.

Reto Sopranetti an der Kadertagung
Reto Sopranetti im Gespräch mit Mitarbeitenden der Migros Aare

Gerade beim aktuellen Fachkräftemangel ist es wichtig, dass die Mitarbeitenden bleiben.

Absolut. Auch das gehört zur eingangs erwähnten Verantwortung: Wir wollen sichere Arbeitsplätze mit Perspektiven und Weiterbildungsmöglichkeiten, aber auch zahlreiche attraktive Zusatzleistungen bieten. Ausserdem bilden wir nach wie vor Menschen mit einer Leistungseinschränkung aus, damit auch sie eine Chance haben. Wenn wir die Herausforderungen der Zukunft anpacken wollen, braucht es Mitarbeitende, die alle am gleichen Strick ziehen und sich als Team gegenseitig stützen. Gemeinsam kann man alles schaffen - was die letzten Jahre während Covid eindrücklich gezeigt haben.

Du hast vorhin die Logistik angesprochen – passt das grosse Bauprojekt der Logistikplattform in Schönbühl noch in die heutige Zeit?

Auf jeden Fall. Die baulichen Massnahmen sind bald abgeschlossen, die neue Brücke bereits eingebaut und das logistische Herzstück wird bald in Betrieb genommen. Es hilft uns, noch effizienter und flexibler zu werden, und wir werden zusätzlich auch für andere Unternehmen logistische Dienstleistungen erbringen können.

Reto Sopranetti am Konferenztisch
Reto Sopranetti im Interview für den Geschäftsbericht

Ein altes Sprichwort sagt aber, der Mensch lebe nicht von Brot allein…

Ein schönes Sprichwort. Und passend zur Migros. Als einzige Detailhändlerin haben wir das Kulturprozent, welches in unserer DNA verankert ist. Auch darin zeigt sich unsere Verantwortung. Denn mit dem Kulturprozent können wir kulturelle und soziale Initiativen unterstützen und damit einer breiten Bevölkerung Zugang zu einem vielfältigen Angebot verschaffen. So wie beispielsweise das Rendez-vous Bundesplatz, das so vielen Menschen kostenlos eine wundervolle Auszeit in einem Traumland aus Licht und Bildern ermöglicht.

 

Träumen ist ein gutes Stichwort für die letzte Frage: Was wünschst du dir für die Zukunft?

Dass wir gemeinsam die langfristige Perspektive verfolgen, als Unternehmen zusammenstehen und aus Verantwortung für alle handeln. An dieser Stelle möchte ich deshalb auch allen Mitarbeitenden der Migros Aare herzlich für ihren grossartigen Einsatz, den sie tagtäglich leisten, danken.